Über die Verschlüsselungs- und Erpressungstrojaner

Die Programmierer dieser Trojaner verwenden zwar Bitcoin, aber sie sie haben eine gewisse Unabhängigkeit von diesem Bezahlverfahren, die in der gegenwärtigen medialen Berichterstattung viel zu wenig beleuchtet wird. Frühere »Ransomware« hat den Geldtransfer über Western Union, UKash, Money Gram und vergleichbare Dienstleister abgewickelt und war für die Kriminellen auch ein gutes Geschäft. Wer vermeiden möchte, diese unangenehmen Handschellen angelegt zu bekommen, ist eben einfallsreich.

Dass Menschen auf diese Kriminalitätsform reinfallen und von Verbrechern abgezogen werden, liegt keineswegs an der Existenz oder Nichtexistenz irgendwelcher Bezahlverfahren, sondern in erster Linie daran, dass sie ungebildet sind. Wenn die Menschen in den Anforderungen »Lesen und Schreiben« lediglich so wenig Bildung hätten wie in der Anforderung »Informationstechnik«, dann müsste man zurzeit die meisten Menschen als Analphabeten bezeichnen. Das ist bitter.

Wer etwas informationstechnische Bildung hat, fällt nicht so leicht auf eine Spam rein, öffnet schon gar nicht einen Mailanhang von Unbekannten, weiß davon, dass Absenderadressen einer E-Mail beliebig gefälscht sein können, verwendet einen gut gesicherten Webbrowser mit wirksamem Adblocker und NoScript, lässt nicht standardmäßig die Ausführung von Makros in Office-Dokumenten unbekannter Zeitgenossen zu, hat eine halbwegs angemessene Backupstrategie und achtet immer darauf, ein aktuelles System mit aktueller Software zu benutzen, so dass möglichst wenig von Kriminellen ausbeutbare Fehler die Computersicherheit gefährden.

Und während diese Bildung – angesichts der Bedeutung von Informationstechnik halte ich sie für eine Form der unabdingbaren Allgemeinbildung – bei den meisten Menschen nur rudimentär vorhanden ist oder gar völlig fehlt, werden in den staatlichen Schulen von heute die Erwachsenen von morgen auf die Herausforderungen von gestern vorbereitet, und zwar so »gut«, dass nach wenigen Jahren aus neugierigen, aufgeweckten und interessierten kleinen Menschen stumpfe, ausgewachsene Zeitgenossen werden, die jeden Vorgang der Wissensaneignung für eine unbedingt zu vermeidende Last halten.

Dummheit ist leider ein gutes Geschäft. Dies gilt schon für legale Geschäfte, was der tiefere Grund für die systematische Förderung der Dummheit durch Staat, Schule, Fernsehprogramm und Journalismus ist. Aber es ist nicht auf legale Geschäfte beschränkt.

Vor rd. achteinhalb Jahren schrieb ich an anderer Stelle die folgenden Zeilen:

Fragen sie ihre Tageszeitung, warum es keine Informationen und Warnungen zu den jeweils aktuellen Phishing- und Spam-Wellen an auffälliger Stelle gibt. Das Internet ist schließlich keine Spielwiese der Nerds mehr, es ist eine Massenerscheinung, an der auch ganz gewöhnliche Menschen in verschiedener Weise Teil haben. Auch die Journaille muss unter solchen Umständen einen Beitrag zur Verbrechensverhinderung leisten. Jeder andere Trickbetrüger bringt es doch auch als Warnung in die Presse, warum also nicht ein gefährlicher Phisher, der bei Erfolg Menschen um tausende von Euros erleichtern und sogar an den Rand des persönlichen wirtschaftlichen Ruins bringen kann? Wenden sie sich an ihren bevorzugten Radio- oder Fernsehsender und fragen sie, warum es zwar Unwetterwarnungen gibt, aber keinen Hinweis auf gefährliche Schadsoftware, die ihren Weg über Spam auf die Rechner ganz gewöhnlicher Mitbürger findet und die diese Rechner in fernsteuerbare Zombies der Spam-Mafia verwandelt?

Das größte Problem im Zusammenhang der Spam ist die gefährliche Unwissenheit vieler Menschen. Das beste Mittel gegen Unwissenheit ist besonnene, den Fakten verpflichtete und hilfreiche Aufklärung.

Ich kann und will hier keine umfassende und aktuelle Aufklärung geben – tatsächlich habe ich auch noch ein Leben neben dem Internet. Aber die Passivität derer, die solche Aufklärung leisten müssten, ist schon erschreckend. Dies gilt in besonderer Weise angesichts der Tatsache, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten inzwischen von jedem Computernutzer über die Gebühren mitfinanziert werden; ich bin durchaus der Meinung, dass aus diesem Umstand auch eine Verantwortung für die Versorgung der Computernutzer mit essentiellen Informationen erwächst

Nichts an diesen Worten hat seine Aktualität verloren. In fast einem Jahrzehnt. Das ist schon ziemlich bitter, und es lässt nur einen Schluss zu: Die Agenda, die in den Medien (und in den staatlichen Schulen) verfolgt wird, soll nicht verantwortungsvoll handelnde, kundige Menschen hervorbringen, sondern dumme Konsumtrottel, denen man jedes Schlangenöl andrehen kann¹. (Ich weiß übrigens genau, dass in diesem Moment irgendwo ein paar Leute zusammensitzen, das dort von Heise Online mutmaßlich in bezahlter Schleichwerbung angepriesene Programm genau analysieren und eine Version ihres Trojaners bauen, die von diesem Programm nicht erkannt werden kann. Das ist nämlich das »Geschäft« dieser Leute. Die leben davon.)

Die Opfer der aktuellen Erpressungstrojaner sind auch Opfer eines vorsätzlich verdummenden, von der Werbung finanzierten Journalismus und eines vorsätzlich verdummenden staatlichen Schulbetriebes. Gegen Letzteres kann man leider nicht so viel machen; vor die Gründung von Privatschulen sind hohe Hürden gesetzt, deren Überwindung Mühe und Mittel erfordert, die für die meisten Menschen schlicht nicht erbringbar sind, während die Kultusministerien der BRD-Bundesländer von einer unfassbaren Trägheit befallen sind, die jede Entwicklung in der Gesellschaft zu verneinen scheint. Aber der Journalismus ist durchaus beeinflussbar, und sei es dadurch, dass seine Produkte systematisch boykottiert werden, bis sie wieder einen Wert und einen Nutzen für die Menschen bekommen haben, die sich daraus informieren sollen.

Anders, als die meisten Journalisten denken und unterschwellig schreiben, ist die mangelnde informationstechnische Bildung breiter Bevölkerungsschichten sowie das Fehlen selbst grundlegenden Wissens nämlich kein Naturgesetz, sondern ein auch durch die Praxis des Journalismus bewusst und planvoll miterzeugter Zustand. Und zwar einer, der beendet werden muss. So schnell wie möglich.

Denn nicht »Bitcoin« ist das Problem. Unwissen und informationstechnischer Analphabetismus ist das Problem.

¹Wer sich an diesem zugegebenermaßen unsachlichen Begriff für Antivirus-Produkte stört, lese bitte vor dem bequemen Ablassen eines schnellen Kommentares hier und hier weiter. Danach sind Ergänzungen und Widersprüche durchaus erwünscht…

Ich mag es so sehr, da muss ich gleich mal zum Facebook klicken...

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3 Kommentare zu Über die Verschlüsselungs- und Erpressungstrojaner

  1. Philipp sagt:

    Bitte verwenden Sie NIE WIEDER den Begriff SCHLANGENÖL in Zusammenhang mit Antivirensoftware – ich verweise zur Begründung auf diesen Beitrag: https://blog.fefe.de/?ts=a8418dd9
    So Sie AV-Software als Schlangenöl bezeichnen, unterstellen Sie eine scheinbare Funktionalitätslücke, die der tatsächlichen (und nicht nur der anscheinenden) Nicht-Funktionalität nicht gerecht wird.

    • Hihi, offensichtlich habe ich gewisse Bildungslücken in der jüngeren Medizingeschichte… ;)

    • Bio sagt:

      Schlangengift ist für vieles gut. Wird gemunkelt :D

      Die Wissen Schaffenden haben u.A. fest gestellt, dass Schlangengift frisch die Zellen hält. Aber das dauert. Das funktioniert nicht von heut‹ auf morgen, wie ’ne Hokuspokusimpfung.

      Ein echter™ Indianer ist halt weich wie Schlangengift, wenn er Geduld hat, es nicht übertreibt und es nicht mit Botox verwechselt :D

      Snakeoil klingt in dem Bezug wie: Chinaware, Japaner, Made in Germany, oder Kauf nicht bei Juden.

      Dagegen und nicht nur da hilft Auf-, Er- und Sie-Klärung – Die Lücken stopfen, sozusagen.

      Seltsam. Aber so steht es geschrieben….

      Peace out!

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