Relevanteste… du mich auch, Google!

YouTube war unter den ganzen S/M-Dingern ja bemerkenswert lange halbwegs gut benutzbar. Wenn man angemeldet war, hatte man eine Ansicht seiner Abos, in der die jüngsten Uploads der abonnierten Kanäle in chronologisch absteigender Reihenfolge gelistet wurden. Und für das, was man dort dann sah, war man selbst verantwortlich. Unerwünscht war es nicht. Man hat es ja selbst abonniert.

Das hat Google nicht gefallen, dass YouTube-Nutzer noch ein bemerkenswertes Maß der Autonomie über das haben, was sie sich anschauen wollen. Google gefällt es viel besser, wenn es den Nutzern seiner Websites reklameoptimiertes Zeug aufdrängelt. Und seit Google zu dieser Aufassung gekommen ist, wird die Darstellung der Abos verscheißbessert.

Angefangen hat es nach dem Riesenerfolg der Kurzvideoschleuder TikTok. Da wollte Google unbedingt so etwas ähnliches machen, und seitdem gibt es »YouTube Shorts«. Im Hochkantformat, für das ganz hohe Hochkantkino der Generation Wischofon auf dem Hirngrill der Inhaltevermarkter im Internet. Und weil sich anfangs offenbar niemand für dieses schnell nachgebaute TikTok interessiert hat – das vor allem aus Gnobbelmatsch und menschlicher Dummheit mit aufdringlichem Clickbait-Geschmack besteht – wurden alle YouTube-Nutzer in allen möglichen und unmöglichen Ansichten auf diese »Shorts« hingewiesen.

Natürlich auch in den Abos.

Natürlich haben sich darin die weniger erfreulichen Anteile aus den Abos angesammelt, also jener »Content« von Menschen, die beim Denken an Wörter wie »Monetarisierung« sofort und entschlossen auf die Auswurftaste für ihr Gehirn drücken. Geld, verstehst du: GELD! 🧠️⏏️

Natürlich kommt dabei nur selten etwas heraus, was ein denkender und fühlender Mensch seinem Dasein hinzufügen möchte. Geld ist ein Gift für die Psyche und für jedes Miteinander.

Das scheint ein Dammbruch gewesen zu sein. Denn damit war zum ersten Mal die chronologisch sortierte Auflistung in den Abos durchbrochen. Diese »Shorts« wurden als kleine und zum besseren Zerren an der Aufmerksamkeit hervorgebobene Sonderbereiche recht willkürlich in die Darstellung eingefügt und hatten darin ihre eigene Sortierung. Der einzige, niederträchtige und vorsätzlich manipulative Zweck dieser Bestupsung war es, Aufmerksamkeit für ein neues YouTube-Angebot zu schaffen, das man bis dahin gar nicht vermisst hatte. Ältere und intellektuell erwachsene Menschen, also vermutlich jene, die hier auch mal sporadisch über einen Text stolpern, erinnern sich vielleicht daran, wie Google mit Stupserei, Lügen, Technikverhinderung und schließlich mit Gewalt dazu zwingen wollte, ein Google-Plus-Konto aufzumachen, um auf YouTube kommentieren und die Kommentare in den eigenen Kanälen überhaupt moderieren zu können. So ein Gedrängel ist das. Nur, dass die »Shorts« leider viel erfolgreicher wurden, nachdem auf diese Weise Aufmerksamkeit und Nutzung aufgedrängt wurden. Von Google Plus redet heute zum Glück niemand mehr. Dieses offenbar auf Grundlage von Ideen des Fediverse-Netzwerkes Diaspora nachgebaute Facebook ist inzwischen eingestellt, und YouTube-Kommentare liegen wieder bei YouTube.

Wenn es nur dabei geblieben wäre, dann wäre das schlimm und nervig genug.

Aber es ist nicht nur dabei geblieben. Neuerdings, bei mir seit gestern, zeigt YouTube in der Abos-Ansicht ein weiteres nicht-chronologisch und reklameoptimiert-algorithmisch dargestelltes Element hervorgehoben und bestupsend an: Die »relevantesten« Abos. Ganz oben und noch vor allem, was einen Nutzer eigentlich interessiert, nämlich der Einblick in das, was abonnierte Kanäle neu hochgeladen haben. Als ob sie wirklich etwas Wichtigeres seien. Diese werden so präsentiert:

Screenshot der Ansicht "Relevanteste" in den YouTube-Abos, angefertigt am 4. Februar 2026 mit meinem Benutzerkonto.

Natürlich hat diese »Relevanz« nichts mit dem zu tun, was ich für »besonders relevant« halte. Tatsächlich schaue ich weniger als fünf Prozent der Videos in meinen Abos, und das liegt daran, dass meine Lebenszeit begrenzt ist und dass viele Kanäle zu einem großen Teil aus für mich uninteressanten Inhalten bestehen. Ich abonniere, um eine bequeme und leicht überschaubare Auflistung der neuen Uploads in Kanälen zu bekommen, die immer wieder einmal für mich interessante Inhalte haben. Die chronologisch absteigende Sortierung ist sehr hilfreich, um dabei den Überblick zu behalten.

Noch hilfreicher und nützlicher wäre eine Ansicht »Videos aus deinen Abos, die seit deinem letzten Besuch neu hochgeladen wurden«. So eine Ansicht zu implementieren, ist technisch übrigens trivial. Dafür werden nur nummerische Werte miteinander verglichen. Das können Computer sehr effizient. Und ja, ich habe das jetzt sehr sperrig bezeichnet. Man könnte und sollte es etwa mit der kurzen Bezeichnung »Frisch und ungeschaut« überschreiben.

Bei YouTube wissen sie auch, dass so etwas trivial wäre.

Aber so eine hilfreiche und nützliche Ansicht will YouTube/Google mir und dir und ihnen nicht präsentieren. Stattdessen wird jetzt mit irgendwelchen völlig undurchsichtigen, mutmaßlich allein an der Werbeplatzvermarktung orientieren Algorithmen entschieden, welche Videos aus meinen Abos jetzt »relevant«, also in unmittelbar verständlichem Klardeutsch »wichtig«, für mich sein sollen. Genau das Richtige für jene technisch infantilisierten Klickschafseelen, die nicht mehr selbst darüber entscheiden können, was für sie wichtig ist. Und zwischendurch Werbung, der Pausensnack! Willkommen in der Zielgruppe, willkommen im Fadenkreuz der professionellen Lügner, die man Werber nennt, weil das besser als »Lügner« klingt!

Die aus Nutzersicht sinnvolle und hilfreiche chronologische Sortierung der Abos soll mit scheibchenweise eingeführten Verscheißbesserungen offenbar immer mehr zur Seite gedrängt werden. Am Ende wird sie völlig beseitigt sein. An die Stelle des Nutzers, der auf Grundlage seiner Interessen und Wünsche Entscheidungen trifft, tritt immer massiver die Entscheidung eines undurchschaubaren, am Geschäftszweck der Werbeplatzvermarktung orientierten Algorithmus.

Natürlich macht man YouTube auf diese Weise tot.

Aber natürlich sieht Google auch am Beispiel des toten blauen Vogels, des ehemaligen Twitter, dass die Leute nicht so schnell von so einer technischen Leiche weglaufen. Egal, wie gruselig diese Leiche vor sich hin verrottet, egal, was für Maden sie anzieht. Sogar die Bundesregierung ist noch beim toten blauen Vogel.

Es ist jedenfalls Zeit, sich von YouTube zu verabschieden. Es wird nicht besser werden. Hoffnung ist die festeste Fessel des Sklaven.

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