Fake News und Fake History bei der Tagesschau

Die Tagesschau des Parteienstaatsfernsehens ARD hat auf ihrer Website einen längeren Artikel zur Geschichte des World Wide Web veröffentlicht [Archivversion Eins, Archivversion Zwei], zu dem ich ein paar Anmerkungen machen muss. Ich will dabei gar nicht so sehr in die Tiefe gehen, sondern mich kurz fassen, denn der Tag ist heute viel zu schön, um ihn mit so einer unerfreulichen Richtigstellung des contentindustriell-journalistischen Ausflusses zu vergeuden. Meine kleine Gegenüberstellung von Tagesschau-Bericht und Fakten endet mit einer in meinen Augen sehr naheliegenden Frage, die sich jeder stellen sollte, und zwar bei jeglichem journalistischen Text zu jedem Thema.

Es beginnt bereits mit der Überschrift:

Geschichte des WWW
Als das Internet frei wurde

Das Internet wurde keineswegs mit dem World Wide Web »frei«, sondern entwickelte sich teils durch die langsame Öffnung des militärischen Arpanet, aber vor allem durch die freie, öffentliche und offene Spezifikation von TCP/IP (zunächst nur TCP), IPv4 und TCP im Verlaufe des Jahres 1981. Diese Standards waren ab 1983 auf allen am (damals noch nicht genannten) Internet implementiert, und sie wurden auch im parallel weiterbestehenden Arpanet zu Standardprotokollen. Der etwas später vom Namen IP (internet protocol) kommende Begriff »Internet« wurde schnell zur Bezeichnung dessen, was dort entstand. Die alten Protokolle sind bis heute in Benutzung, lediglich IPv4 wird zurzeit durch IPv6 abgelöst, weil es nicht mehr flexibel genug ist. Das WWW hat auf die damals geschaffene Infrastruktur »nur« aufgesetzt. Weitere Informationen zu diesem technikgeschichtlichen Thema finden sich in jeder anständigen Bücherei oder im Web zuhauf.

Man kann die Freiwerdung natürlich anders definiern, zum Beispiel als die Möglichkeit, auf irgendwelche Klickeknöpfchen zu klicken. Aber frei verwendbare, offene Protokolle (im Gegensatz zu militärischen Protokollen, die selbstverständlich nicht offen waren), auf denen beliebige Dienste aufgesetzt werden konnten (und weiterhin werden können) sowie ein funktionierendes Routing zwischen allen beteiligten Rechnernetzen waren die Grundlage ebendieser Freiheit und damit ihr Anfang.

Vor 25 Jahren veröffentlichten Wissenschaftler am Kernforschungsinstitut CERN den Quellcode für das World Wide Web

Nein, sie veröffentlichten den Quellcode eines Webservers. Man veröffentlicht(e damals) unter unixoiden Betriebssystemen übrigens die Software immer im Quelltext.

Das World Wide Web (WWW) ist nicht das Internet – es ist nur ein Teilbereich

Danke für diese Klarstellung, die viel zu selten deutlich gemacht wird. Aber siehe weiter unten. :(

Zentrales Merkmal ist der Hypertext, über den sich unterschiedlichste Dateninhalte darstellen und verlinken lassen. Grundlage dafür ist das HTTP-Protokoll – es regelt die Übertragung von Webseiten auf die Rechner der Nutzer

Nein, Hypertext-Konzepte und das HTT-Protokoll sind unabhängig voneinander entstanden, und der Link ist älter als das World Wide Web. Er war schon im Gopher-Protokoll möglich. Wahr ists allerdings, dass die Kombination des als SGML-DTD definierten Hypertext-Formates HTML mit dem sehr flexiblen HTT-Protokoll ein großartiges Werkzeug war und ist. Deshalb sind die meisten früheren Protokolle heute entweder abgelöst oder fristen ein Nischendasein.

Nein, das »HTTP-Protokoll« regelt nicht nur die Übertragung von Webseiten, sondern von beliebigen Dateien. Es heißt übrigens, um mal eine Korinthe zu kacken, in Wirklichkeit HTT-Protokoll, denn das »P« steht für protocol. Es würde ja auch niemand Allgemeine AGB-Bedingungen schreiben. ;)

Aber das ist wirklich nur eine Korinthe.

Google hat das als Erster verstanden und darüber definiert, wie Suche im Netz wirklich funktioniert. Anbieter wie Lycos, Alta Vista oder Yahoo boten in der Anfangszeit des WWW eine Art Telefonbuch an, ein Verzeichnis. Wer eine Internetseite hatte, der konnte sie dort eintragen, um gefunden zu werden. Dann kam Google

Vor allem Altavista und Yahoo hatten schon längere Zeit vor Google eine Volltextsuche über die indizierten Websites. Die Verwendung des nach Kategorien sortierten Verzeichnisdienstes war damals allerdings oft zielführender, weil die Volltextindizierung vielfach durch Spamming manipuliert wurde – eine Baumstruktur ist nun einmal ein gutes Ordnungs- und Orientierungsmerkmal, und zwar bis heute. Die Leistung von Google bestand darin, anhand der Verlinkung die »Wichtigkeit« und »Bedeutung« einer Seite zu ermitteln und das Suchergebnis dementsprechend zu sortieren; und schon einige Monate, bevor es Google als Suchmaschine gab, habe ich die offene Darlegung dieser Ideen sowie einiger experimenteller Untersuchungen in einem Artikel im Scientific American gelesen. Allerdings hat es nicht lange gedauert, bis Spammer (so genannte »SEOs«) die Schwächen in Googles Algorithmus erkannten und mit ihrer Spam begannen, so dass Google-Suchergebnisse heute oft unbrauchbar sind.

Begonnen hatte alles mit dem Browser von Netscape. Doch der verschwand als Microsoft seinen kostenlosen Internet Explorer auf den Markt brachte, der teilweise fest ins Betriebssystem Windows integriert war

Nein, der erste sehr beliebte und auf einer Vielzahl verschiedener Betriebssysteme verwendbare Webbrowser mit grafischer Benutzerschnittstelle war der NCSA Mosaic. Netscape hat allerdings die Benutzerschnittstelle wesentlich verbessert und die »Lesezeichen« eingeführt.

Nein, Microsoft hat lediglich behauptet, dass der Internet Explorer fester Bestandteil des Betriebssystemes Windows 98 sei und seinen Browser nicht mehr deinstallierbar gemacht. Es war durchaus möglich, Windows 98 ohne Internet Explorer zu betreiben, es wurde nur von Microsoft versucht, dies zu verhindern. Ziel dieser Benutzergängelung war es, den Browser von Netscape vom Markt zu drücken. Wer – wie die Tagesschau-Redaktion – die Behauptung vom »Webbrowser als integralen Bestandteil des Betriebssystemes« für bare Münze nimmt, der glaubt auch, dass Solitaire und Minesweeper integrale Bestandteile von Microsoft Windows sind, weil sie bei einer Standardinstallation mitinstalliert werden.

Bis 2008 dominierten zwei Browser: Der Explorer von Microsoft und Firefox von Mozilla. Immer wieder versuchten Newcomer, die beiden Großen anzugreifen, zum Beispiel Opera

Nein, der Opera-Browser ist kein »Angriff auf den Firefox«, sondern ein deutlich älterer Browser als der Firefox, den ich jahrelang gern benutzt (und sogar gekauft) habe. Es war ein großartiger Browser, bis er in jüngerer Zeit verhunzt wurde.

Dann brachte Google seinen Chrome Browser heraus – er ist heute weltweit mit großem Abstand der Platzhirsch

Was hier nicht erwähnt wird: Für Menschen, die Google als Suchmaschine verwenden, wurde jahrelang spamartig in den Suchergebnissen darauf »hingewiesen«, dass der Chrome ein besserer Browser als der derzeit verwendete sei. Die spamartige Flutung von Google-Seiten mit Chrome-Werbung brachte dabei auch immer wieder deftige Realsatiren hervor. Wenn Chrome heute ein »Platzhirsch« ist, dann nicht nur deshalb, weil es sich um einen guten Browser handelt, sondern auch, weil Google seine bestehende Marktmacht zur systematischen und lang angelegten Irreführung seiner Nutzer missbraucht hat.

1998 kam Google, 2001 Wikipedia, 2004 Facebook, 2005 YouTube – sie gehören zu den wichtigsten Diensten im heutigen Internet

Nein, sie gehören zu den wichtigsten Websites und Inhalteanbietern im World Wide Web. Die wichtigsten Dienste im Internet sind IMAP, (immer noch) POP3, SMTP, HTTP, HTTPS, (immer noch) FTP, LDAP, (nicht mehr so viel) NNTP etc.

Und: Das WWW ist aufs Handy gekommen. Die Maxime heute lautet »mobile first«. Das Wichtigste ist, dass die Inhalte auf dem Smartphone gut dargestellt werden

Nein, das Wichtigste sind die Inhalte. Gute Inhalte verschaffen einen zutreffenden Eindruck der Tatsachen und Zusammenhänge, bilden und ermächtigen Menschen dazu, dass sie gute, vernünftige und informierte Entscheidungen treffen. Schade, dass es neben den guten Inhalten so viele schlechte gibt… ;)

Aber was kommt nach dem WWW? Das WWW ist noch lange nicht am Ende. Aber es kommen neue, parallel dazu arbeitende Systeme. Das Internet der Dinge zum Beispiel, in dem Maschinen oder Systeme eigenständig Daten miteinander austauschen. Zum Beispiel, um in Zukunft autonom fahrende E-Autos in Massen auf die Straßen zu bekommen. Sie nutzen wie das WWW teilweise das Internet, kommunizieren aber direkter und – so die Hoffnung – wirksam abgeschottet gegen Angriffe von Außen

Nein, »autonom fahrende Autos« haben nichts mit dem Internet zu tun. Es wäre schlicht fürchterlich, wenn ein kurzer, von jedem Nachwuchshacker auf dem Pisspott mit einem gemieteten Botnetz leicht provozierbarer Ausfall von Netzwerkdiensten zu massenhaften Unfällen führen würde. Oder zum GAU, weil das Kernkraftwerk darauf angewiesen ist. Diese Einsicht kann man übrigens schon haben, wenn man sich fragt, was wohl das Wort »autonom« bedeutet. ;)

Und nein, »Security by Obscurity« hat noch nie irgendwo funktioniert. Was aber bei (schwieriger) fehlerfreier Implementation funktioniert, ist wirksame Kryptografie ohne jegliche Hintertür, auch ohne Hintertür für Geheimdienste und Polizeien. Alles andere ist eine Einladung an Spielkinder, Kriminelle und psychopathisch-destruktiv veranlagte Zeitgenossen, sich ein bisschen auszuleben.

Kurz zusammengefasst: Beinahe alles an diesem Artikel der Tagesschau-Redaktion ist falsch, und zwar mindestens falsch im Sinne von ungenau, desinformierend, schlecht recherchiert (schon die Nutzung der Wikipedia hätte geholfen, die meisten Fehler zu vermeiden), tendenziös. Beim abschließenden Ausblick auf die Zukunft wird der Artikel dermaßen irreführend für unkundige Leser, dass es mir schwer fällt, dahinter keine Absicht zu vermuten.

Und so sieht es immer aus, wenn ich journalistische Texte zu einem Thema lese, in dem ich mich zufällg »ein bisschen« auskenne.

Deshalb nur eine Frage: Warum um alles in der Welt soll ich glauben, dass die Texte zu Themen, in denen ich mich nicht auskenne, informativer, sorgfältiger erstellt und näher an den Tatsachen sind? Ich sehe keinen Grund, einen solchen Glauben anzunehmen. Und ich sehe viele Gründe, anzunehmen, dass ich desinformiert werde, dass ich mit schlecht recherchierten und tendenziell formulierten Scheinwahrheiten vollgestopft werde oder gar offen und vorsätzlich belogen werde.

Vor allem, wenns um Wirtschaft und Politik geht.

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Biometrische Authentifizierung im Internet

Früher hätte ich nach einem Datenleck oder wenn ich Schadsoftware auf meinem Computer oder Telefon gehabt hätte, ja einfach mein Passwort geändert. Aber wie soll ich meinen Fingerabdruck ändern, wenn ihn jemand vom Computer oder Telefon mitgenommen hat? -- Wenn man sich solche Fragen stellen muss, wird man spätestens merken, dass biometrische Verfahren zur Identifikation im Internet keine gute Idee sind. Wer schlau ist, merkt es schon vorher.

Bei Flickr gibts das Bild mit 300dpi für den DIN-A3-Druck.

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Facebook-Nutzer

Facebook-Nutzer, die angesichts der jüngsten Enthüllungen – im Journalistendeutsch auch als »Datenskandal« bezeichnet, um davon abzulenken, dass der eigentliche Datenskandal »Facebook« heißt – empört über ihre datenmäßige Bloßstellung sind, verhalten sich so ähnlich wie ein nackter Mensch, der seinen mit gierigen Augen schauenden Betrachter vorwirft, dass es vorher überhaupt keine Warnung gab, dass man nach dem Ausziehen seiner Kleidung nackt ist.

Was ich von der in meinen Augen grenzkriminellen Unternehmung Facebook zu halten habe, wusste ich schon, als ich meine erste allererste Spam von dieser börsennotierten Klitsche ohne seriöses Geschäftsmodell bekam, und es wurde mit jeder auf meine Nichtreaktion folgenden Spam (es waren wirklich viele) nur noch deutlicher. Wer angesichts solcher Methoden noch nicht weiß, womit er es zu tun hat, muss wohl erst deutlichere Schmerzen zugefügt bekommen, bis sein Gehirn zu arbeiten beginnt.

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Instant Happiness Machine

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Chrome: Die Sicherheit ist nur »gefühlte Sicherheit«

Dieser Chrome-Browser vom größten Datensammler, Reklamevermarkter und Menschenüberwacher der Welt, von Google, markiert demnächst jede nicht TLS-verschlüsselte Website als unsicher.

Gut, das kann man im Prinzip so machen. Es ist allerdings dumm, es so zu machen, wenn man nur ein wenig weiter als von der Tapete bis zur Wand denkt.

Bei den meisten Menschen wird diese »Sicherheitsmaßnahme« so ankommen, dass sie TLS-verschlüsselte Seiten (die mit dem Schlösschen bei der Adresszeile) für »sicher« halten. Dabei sind diese »nur« verschlüsselt.

Natürlich erhöht es die Sicherheit, wenn man ausschließt, dass ein Dritter auf dem Transportweg den Inhalt manipulieren kann, ganz unbestritten, und genau das leistet TLS. Aber eine kriminelle Dreckssite, von der man sich einen Trojaner herunterlädt, wird keinen Deut »sicherer«, wenn sie TLS-verschlüsselt ist. Angesichts der Tatsache, dass selbst einigermaßen brauchbare IT-Jornalistikprodukte in Sachen Kryptografie ihre Leser aufs übelste verblöden, glaube ich, dass von dieser dummen Idee Googles nur Kriminelle profitieren werden.

Und natürlich wird auch Google von diesem kleinen Hirnfick profitieren.

Denn eine Sache, die man ebenfalls als unsicher kennzeichnen müsste und die im Alltag viel gefährlicher als Manipulationen auf dem Transportweg ist, ist das Einbetten von Inhalten und Skripten aus Drittquellen in eine Webseite, wie dies etwa bei der Reklamevermarktung im Web gang und gäbe ist. Eine einzige von einem Verbrecher übernommene Drittquelle – das muss gar nicht erst durch einen »Hack« geschehen, es geht zum Beispiel auch durch den Einkauf von Online-Werbung – kann hinreichen, um etliche seriöse und selbstverständlich TLS-verschlüsselte Websites zur üblen Schadsoftware-Schleuder zu machen. Im Gegensatz zu Angriffen auf dem Transportweg ist dieser Verbreitungsweg für Schadsoftware Alltag. Dagegen schützt nicht TLS, dagegen schützt ein wirksamer Werbeblocker und ein wirksamer Skriptblocker.

Es wäre für Google eine Kleinigkeit, auch diese Gefahr im Webbrowser anzuzeigen, damit jeder Webnutzer lernt, welche Websites sicher sind und welche nicht (zurzeit macht man das am besten mit einem Addon wie NoScript).

Aber genau diese wirksame Sicherheitsmaßnahme ginge gegen das Geschäftsmodell von Google. Es zeigte an, dass die Reklamevermarktung durch eingebettete Skripten aus Drittquellen ein Sicherheitsrisiko ist. Und deshalb zeigt Google halt nur »gefühlte Sicherheit« an: Diese Website ist TLS-verschlüsselt, jede andere Website ist unsicher.

Diese Vorgehensweise wird nur die Organisierte Kriminaltität im Internet (Neusprech: Cybercrime) freuen und erhebliche Schäden verursachen. Auch weiterhin gilt: Das Geschäft mit der Online-Werbung ist der Tod der Internetsicherheit.

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