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Kryptogramm

Elias Schwerdtfeger
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Lizenziert unter Schwerdtfegers Lizenz für Freie Musik.

Der Kern dieses Albums ist der Ausfluss meiner Beschäftigung mit dem Voynich-Manuskript. Unter anderem werden auch Transkriptionen mechanisch in »Sprache« verwandelt und klingen dabei gar nicht so fremd — wie auch das Schriftbild des Manuskriptes gar nicht so fremd aussieht. Es bleibt aber trotz aller Vertrautheit unverständlich, ein ungelesenes Kryptogramm, eine Flaschenpost im trüben Ozean der Zeiten, die jeden Finder vor Rätsel stellt.

Kryptographie wird nicht nur von Diplomaten und Militärs für die geheime Kommunikation geschätzt, sondern wurde und wird auch immer wieder verwendet, um Notizen und menschlichen Austausch vor dem Zugriff eines monströsen, scheinbar unendlich nach Informationen über die Gedanken der Menschen hungernden Staatswesens zu schützen, und zwar vor allem dann, wenn ein solches Staatswesen gewisse Regungen mit Gewalt unterdrücken will. Deshalb gab und gibt es immer starke Bestrebungen, die Kunst des geheimen Schreibens zu einer Geheimwissenschaft zu machen und die Anwendung dieser Kunst durch »einfache Menschen« zu kriminalisieren. In einer freien, offenen Welt würde niemand der Kryptographie bedürfen, nicht einmal ein Staat hätte Geheimnisse. Jede Anwendung von Kryptographie ist schon ein Zeichen dafür, dass Menschen so stark von sich selbst entfremdet wurden, dass sie nicht einmal mehr die menschliche Tätigkeit der Kommunikation offen ausführen können.

Eine solche Entfremdung bringt nicht nur »geheimes Schreiben« hervor, sie treibt Menschen auch in allerlei Heimlichkeiten, Perversionen und Qualen, ja, sie treibt viele unter dem durch strukturelle Gewalt erzwungenen Schweigen in den Freitod, um ihr ekles Dasein nicht länger ertragen zu müssen.

Die Titel

  1. Intro
  2. f13r
  3. Currier-language B
  4. f18v
  5. Currier-language A
  6. f77v
  7. Zensursula
  8. f32r
  9. Der Geist in Zelten

Anmerkungen

Das Cover ist eine Bearbeitung einer Seite aus dem Voynich-Manuskript. Wer es lesen kann, melde sich bitte laut und deutlich, es ist ein unentziffertes, verschlüsseltes Manuskript aus dem späten Mittelalter.

Das kurze, pentatonische Melodiefragment, das im Intro und im »Geist in Zelten« eingebaut wurde, wird vielen älteren Menschen bekannt vorkommen. Es handelt sich um eine Bearbeitung eines zentralen Motives aus dem Film »Unheimliche Begegnung der Dritten Art«. Auch, wenn man science fiction und das Thema UFOs mit gutem Grund lächerlich findet, kann ich dieses Spielberg-Werk (wie er doch immer großartige Filme aus bescheidenem Material machen konnte!) nur empfehlen, es liefert ebenfalls einen Blick auf die Entfremdung des Individuums unter einem monströs gewordenen gesellschaftlichen Prozess.

Die in einigen Stücken hörbaren »Texte« aus dem Voynich-Manuskript wurden mit Hilfe des Sprachsynthese-Programmes festival, einigen ungesunden Shellskripten und einem bisschen ebenfalls wenig erquicklichen LISP erzeugt, anschließend noch ein wenig nachbearbeitet. (display '(Oh (wie ich (LISP hasse))))! Die verwendete Transkription ist die vollständige Transkription des Manuskriptes von Takeshi Takahashi.

Die Sprachsamples aus »Zensursula« stammen aus der Propaganda des staatlichen Fernsehens der BR Deutschland. Es ist etwas Werbung für so genannte »Altersvorsorge«, ein Ausschnitt aus einer Sendung zur besten Sendezeit, mit der Menschen das Zocken an den Finanzmärkten schmackhaft gemacht werden soll und etliche Sprachsamples der Tagesschau-Sendung, in welcher mit recht einseitiger Propaganda gemeldet wird, dass Ministerin Ursula von der Leyen die Internet-Provider zu einer »freiwilligen Zusammenarbeit« hat drängen können — so nennt man eine Zensur an allen Gesetzen vorbei, wenn man sie den Menschen aus der breiten Masse verkaufen will, und den Rest erledigen empörende Falschinformationen. Es ist ein beachtliches Dokument der Gegenwartsgeschichte.

Das letzte Sample in »Der Geist in Zelten« ist die hörbar gemachte Datenübertragung der Saturn-Sonde »Cassini«. Vielen Dank an die NASA, die eine unfassbare Menge großartigen Materiales frei zur Verfügung stellt.

Texte

Die »Texte« aus dem Voynich-Manuskript wurden mit einem speziellen Font graphisch aus der Transkription aufbereitet. Diese Darstellung gibt nur einen unvollständigen Eindruck von der Erscheinung im Manuskripte.

f13r

Transkription der Seite f13r

f18v

Transkription der Seite f18v

f77v

Erster Teil der Transkription der Seite f77v

Zweiter Teil der Transkription der Seite f77v

Dritter Teil der Transkription der Seite f77v

f32r

Transkription der Seite f32r

Der Geist in Zelten

In meiner dochnochwarmen Brust
Weilt ein trieber Geist in Zelten;
Ein Sturmhauch nur
Der wandern will. Und wandern.

Als zur Kleinzeit keiner war
Mich zu ziehen, zog er ein.
Jetzt ziehe ich;
Immernach dem Geist in Zelten.

Das Knastwarm jeder Mauer
Lässt meine Brust erbibbern,
Nichts und niemand
Gibt mir Ruhe. Vor mirselbst.

Hinter mir brennt die Asche,
Vor mir gähnt das Schwarz.

Fern vom Hirn, unter pumpelndem Herzen
Treibt ein weiler Geist in Zelten
Den Trübsinn an
Der wandern will. Und wandern.

Im Gedenken

Am 8. Oktober 2009 hat sich S. dazu entschlossen, die objektiven Qualen ihres Daseins mit einem Freitod zu beenden. Sie steht für viele, und das mit Moral versalzene Schweigen geht weiter, während jeder öffentliche offene Austausch von Menschen von der classe politique und den Vertretern der Medienstanze als eine Gefahr betrachtet wird, die zu unterdrücken und zu zensieren ist. Das stille Verrecken nimmt kein Ende.